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Digitalisierung: „Hausarztpraxen von Beginn an miteinbeziehen“

Interview mit Hausarzt Peter Franz aus Hessen

Peter Franz ist nicht nur Landarzt mit einem Faible für Digitalisierung, sondern auch Vorsitzender des Bezirks Lahn-Dill des hessischen Hausärzteverbands. Und als Geschäftsführer verantwortet er die Aktivitäten der Wirtschaftsgesellschaft HSGH für den Landesverband. Dort konzipiert er unter anderem Fortbildungen für Hausärztinnen, Hausärzte sowie MFAs und trägt dazu bei, die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) sicher umzusetzen. In unserem Interview wollten wir wissen, warum seiner Meinung nach die Digitalisierung im Gesundheitswesen auch hinderlich sein kann und was es braucht, um dies zu ändern.

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Mittlerweile wird auf vielen Ärztekongressen und -messen rund um den Gesundheitsbereich ausgiebig über das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen gesprochen. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Peter Franz: Ich habe ein großes Interesse an Digitalisierung. Mit dem Start meines Medizinstudiums 1995 wurde ich als einer der ersten der Uni Gießen „ans Netz angeschlossen“. Und auch privat habe ich mich zu dem Thema immer fortgebildet. Ich sehe die Digitalisierung als wichtigen Punkt für alle Ärztinnen und Ärzte. In jeder Praxis befindet sich ein Computer, in meiner bereits seit 1983. Das aktuelle Arbeitspensum in den Praxen kann nur unter Nutzung technischer Hilfen bewältigt werden.

Aber das Hinzufügen hilfreicher Digitalisierungsmaßnahmen ist in letzter Zeit ins Stocken geraten. Sie sind durch fest vorgegebene Wege ersetzt worden, die Hausärztinnen und Hausärzten eher Schwierigkeiten bereiten, Geld kosten und viel Eigeninitiative benötigen. Die ohnehin knappe Zeit im Berufsalltag wird so nur noch mehr geschmälert. Ärztinnen und Ärzte werden dafür bezahlt, Patientinnen und Patienten zu behandeln – und nicht dafür, die Digitalisierung voranzutreiben. Zumal vielen Ärztinnen und Ärzten das Wissen um die Digitalisierung fehlt.

Warum führt Ihrer Meinung nach Digitalisierung zu mehr Bürokratie? Ist das nicht ein Widerspruch?

Peter Franz: Die mit der Digitalisierung einhergehende Arbeitserleichterung schwindet in den Momenten, in denen man Zeit benötigt, um den Computer überhaupt ans Laufen zu bekommen – Zeit, die wiederum für die Behandlung von Patientinnen und Patienten fehlt.

Ein schlechter nicht-digitaler Vorgang, der genauso übernommen wird, führt zu einem schlechten digitalen Vorgang – und das ist nicht hilfreich.

Ein konkretes Beispiel ist die Vergabe von Rezepten: Meine Medizinischen Fachangestellten bereiten die Rezepte vor und legen sie mir zur Unterschrift vor. Der Vorteil: Dieser Vorgang kann jederzeit und überall in der Praxis erfolgen. Wenn ich beispielsweise einen Patienten zur Wundbehandlung sehe, habe ich meist eine Hand frei, um kurz zu unterschreiben. Bei der digitalen Unterschrift hingegen muss ich an den Computer, das Rezept dort digital unterschreiben und es dann trotzdem noch drucken. Denn ein Großteil meiner Patientinnen und Patienten sind wenig bis gar nicht digital unterwegs und lösen ihr Rezept nicht online ein. Darüber hinaus kann noch nicht jede Apotheke E-Rezepte empfangen. Dieser Vorgang hält auf. Das E-Rezept, wie es momentan konstruiert ist, ist eher störend.

Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) hingegen läuft in meiner Praxis erstaunlich gut, wenn auch mit Aussetzern. Dann muss zunächst eine Technikerin oder ein Techniker eingeschaltet werden. Wenn dies bei dem E-Rezept passieren würde, wäre dies sehr schlecht, da eine Praxis in meiner Größenordnung Unmengen an Rezepten produziert. Kommt dieser Prozess nur zehn Minuten ins Stocken, bringt das meine MFA gegenüber den Patientinnen und Patienten in eine ungünstige Lage.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Dinge wie die Telematikinfrastruktur (TI) realistisch umsetzbar sind?

Peter Franz: Die Einführung der TI hat Zeit und Arbeit gekostet. Die Konnektoren mussten in den Praxisverwaltungssystemen angemeldet und nach bestimmten Regelungen aufgestellt werden. Derzeit müssen wir noch Ausfälle kompensieren. Es kann zum Beispiel passieren, dass das Einlesen einer modernen, NFC-fähigen Versichertenkarte das gesamte System zum Absturz bringt und man dann einige Minuten arbeitsunfähig ist, weil alles neu gestartet werden muss. Bislang kamen also auch technisch nicht ausgereifte Dinge in die Praxis. Oder etwas salopp formuliert: Die gesamte TI beruht auf einer Bananentechnologie – das Produkt reift beim Kunden.

Für die realistische Umsetzbarkeit der TI gibt es noch einige Stellschrauben zu drehen. Zuallererst sollte die Technik zuverlässig laufen. Wenn es doch zu Ausfällen kommt, müssen diese wie in einem Flugzeug durch andere Systeme aufgefangen werden. Außerdem ist es notwendig, das System durch eine Technikerin oder einen Techniker dauerhaft instand halten zu lassen – und das nicht auf Kosten der Zeit von uns Ärztinnen und Ärzten. Wir sind für die Behandlung von Patientinnen und Patienten zuständig.

Was für Unterstützungsangebote hinsichtlich Digitalisierung im Gesundheitsbereich würden Sie sich wünschen?

Peter Franz: Zunächst wäre es wünschenswert, dass bei der Entwicklung von digitalen Unterstützungsangeboten immer der direkte Nutzen für eine Praxis mitgedacht wird. Derzeit haben wir hauptsächlich digitale Maßnahmen, die vor allem den Krankenkassen etwas bringen. Dazu zählt beispielsweise der Stammdatenabgleich. Eine gut funktionierende Rezept-App hätte im Praxisalltag aber mehr gebracht.

Auch aus finanziellen Aspekten sollte die Verantwortung nicht bei den Ärztinnen und Ärzten liegen. Wenn die Krankenkasse und die Politik eine TI möchten, müssen diese die Kosten und das Risiko bestimmter Richtlinienänderungen oder DSGVO-Themen tragen. Auch die Hersteller müssen mehr Verantwortung übernehmen. Es kann nicht sein, dass ein technisches Gerät auf Kosten der Krankenkasse, der Praxis oder der Patientinnen und Patienten gewartet bzw. umgestellt werden muss, damit es überhaupt läuft.

Haben Sie weitere Ideen, die zu weniger Bürokratie führen können?

Peter Franz: Zum einen die Vereinheitlichung der Antragsstellung. Zum Beispiel müssen wir für die Reha über die Rentenversicherung ein anderes Dokument ausfüllen, als wenn die Krankenkassen die Kosten tragen. Diese Inkompatibilität sorgt manchmal dafür, dass Anträge derselben Patientin oder desselben Patienten erneut ausgefüllt werden müssen. Die gesetzlich vorgesehene Weiterleitung von einem Kostenträger zum nächsten funktioniert selten, ohne neuen Antrag klappt es nie.

Und zum anderen: Wir produzieren trotz Digitalisierung Ausdrucke, die niemand braucht. Die AU hat ursprünglich vier Zettel. Mit der elektronischen Übermittlung an die Krankenkasse sind es noch drei Zettel, aber eigentlich benötigt die Patientin oder der Patient nur einen für die Arbeitgeberin oder den Arbeitgeber. So etwas muss zeitgemäßer und effizienter gestaltet werden.


Wie stehen Sie zum Thema Digitalisierung? Was sind Ihre Erfahrungen? Teilen Sie Ihre Meinung und diskutieren Sie mit!

Die Initiative zukunft:hausarzt lädt Sie dazu ein, gemeinsam mit uns den Hausarztbesuch der Zukunft zu gestalten. Ihre Meinung zählt. Ihre Erfahrung ist wichtig. Tauschen Sie sich mit uns aus, damit Hausärztinnen und Hausärzte, medizinische Fachangestellte, Patientinnen und Patienten sowie Krankenkassen zukünftig von der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) profitieren. Initiative zukunft:hausarzt – eine Initiative des Sächsischen Hausärztinnen- und Hausärzteverband e.V. sowie Hausärzteverband Hessen e.V.

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